Ein Plädoyer für die doppelte Staatsbürgerschaft

17. Februar 2014, Kommentar aus Kerpener Sicht

Nicht über viele Themen wird so kontrovers diskutiert wie über die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie spaltet argumentativ die Gesellschaft und zeigt gleichzeitig, dass die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland den Sinn eines Doppelpasses noch nicht erkennen können. Fakt ist jedoch, dass die doppelte Staatsbürgerschaft in Deutschland bereits allgegenwärtig ist. Menschen mit Migrationshintergrund aus insgesamt 52 Nationen haben hierzulande eine legale Mehrstaatigkeit. Auf Grund der teilweise oft erschreckend populistischen Sichtweise bei der Argumentation zu diesem Thema wird diese Tatsache leider oft vergessen. Man konzentriert sich bei dem Doppelpass eher auf Grund der aktuell parteipolitischen Thematik auf die türkische Bevölkerung, die als größte Minderheit einen großen Wunsch nach einer doppelten Staatsbürgerschaft ausspricht. Das scheint das Thema Doppelpass zu prägen und ist evtl. der ausschlaggebende Grund für eine ablehnende Haltung insbesondere gegen die türkische Community.

Es ist sicherlich richtig, dass eine doppelte Staatsbürgerschaft die Integration nicht zwangsläufig zu einem gelungenen Abschluss führt. Sie kann aber dazu beitragen, Integrationsbemühungen zu fördern und die Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund mehr für Deutschland zu begeistern. Sicherlich ist es für viele verwunderlich, dass auch nach mittlerweile vier Generationen von Türken in Deutschland beispielsweise die türkische Politik sie weiterhin mehr zu interessieren scheint als die heimische. Die Verbundenheit zur Türkei ist ungebrochen. Man spürt sogar, dass sie sich mit den Generationen gar verstärkt hat. In kultureller, sozialer wie auch religiöser Sicht. Richtig ist aber auch, dass trotz dieser, zumeist auch intensiven Verbundenheit zu dem Land ihrer Väter und Mütter, Deutschland mittlerweile zu ihrer Heimat geworden ist. Gerade diese Verbundenheit gepaart mit der Liebe zu Deutschland verdeutlicht das Dilemma, in dem die Türken sich aktuell befinden.

Deutlich wird das insbesondere, wenn z.B. die türkische Nationalmannschaft gegen eine gegnerische Mannschaft spielt. Besucht man ein türkisches Café, in dem sich zahlreiche Besucher um den Fernseher versammelt haben, hat man die Möglicheit mitzufühlen,wie leidenschaftlich Türken ein Spiel mitverfolgen, mitfiebern, fluchen, schreien und verzweifeln.. Man kann mitverfolgen, wie die Menschen aufschreien, jubeln, die Arme hochstrecken und sich umarmen, wenn die Türken gerade ein Tor geschossen haben. Diese Atmosphäre muss man erlebt haben, wenn die türkische nicht gerade gegen die deutsche Nationalmannschaft spielt. Denn in diesem Fall überwiegt eine unheimliche Stille. Die Spannung ist allgegenwärtig, aber auch eine Anspannung ist zu spüren. Fragt man einzelne, wie hoch denn die Türken gewinnen sollen, hört man als Antwort zumeist, dass ein Unentschieden nicht schlecht wäre. Unentschieden. Das verdeutlicht die Pattsituation der Türken in Deutschland. Verbundenheit zur alten Heimat und die Liebe zur neuen Heimat.

Ein Unentschieden ist daher auch der sogenannte Doppelpass. Der größte Wunsch einer doppelten Staatsbürgerschaft liegt in der Lösung, sich zunächst in dieser Form nicht von der türkischen Identität lösen zu müssen und gleichzeitig eine Brücke zur Deutschen Identität aufzubauen. Es ist sicher, dass nach einigen weiteren Generationen auch der Doppelpass Geschichte sein wird, weil der Wunsch nach dieser Form in Zukunft sicherlich nicht mehr angefragt wird. Es gibt bereits heute eine große Mehrzahl an Bürgerinnen und Bürgern, die sich einbürgern lassen und bewusst sich dafür entscheiden. Aber gehört es trotzdem sicherlich nicht zur Pflicht, aber zu unseren Aufgaben, den Wunsch der hiesigen Menschen mit Migrationshintergrund nach einer doppelten Staatsbürgerschaft ernst zu nehmen und politisch umzusetzen. Das wäre ein Schritt für mehr Integration und eine zukunftsweisende Form für unentschlossene Migrantinnen und Migranten, auch zu zeigen, dass die Verbundenheit zur alten Heimat nicht zwangsläufig mit einem Pass zusammenhängen muss, aber mit dem deutschen Pass man der neuen Heimat mit einem gewaltigen Schritt näher kommt.