Die Aufklärung und die Sache mit der Sexualkunde

03. Mai 2014, Kommentar aus Kerpener Sicht

Als Eltern hat man sicherlich eine gewisse Angst, wenn die Zeit der Aufklärung kommt. Insbesondere die eigenen Kinder aufzuklären und Fragen über die Sexualität zu beantworten, bedarf es einer extremen Überwindung. Die Hoffnung, dass man mit dieser Situation niemals konfrontiert wird, ist eine naive. Man lebt in dem Gedanken, dass die Kinder ihre Fragen von Dr. Sommer beantwortet bekommen werden, also die Bravo die Pflicht, die normalerweise die Eltern zu tragen haben, übernimmt. Man geht des Weiteren davon aus, dass die Fragen rund um die Sexualität hoffentlich in einem Alter möglichst drei Jahrzehnte nach der Geburt gestellt werden. Die Realität sieht aber anders aus. Denn der erste Unterricht findet bereits in der vierten Klasse statt.

Der tägliche Schulbericht meines Sohnes befasste sich erstmals mit dem neuen Fach Sexualkunde. Schon das Wort Sexualkunde aus dem Mund meines neun Jährigen Kindes zu hören, ist doch sehr gewöhnungsbedürftig und sorgte im ersten Moment für Gänsehaut. Insgesamt war es ein sehr ungewöhnlicher Bericht. Erstmals konnten wir miterleben, welch Freude die Schule meinem Kind doch plötzlich machen kann, wenn das Thema interessant ist. Fragen, wie ein Kind gezeugt wird, was die körperlichen Unterschiede von Mädchen und Jungen sind. Die Frage, was denn überhaupt Liebe ist. Man hätte sich sogar über die verschiedenen sexuellen Ausrichtungen unterhalten. Er konnte nun erklären, was lesbische und was schwule Liebe ist. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine katholische Grundschule die Schüler über die Homosexualität aufklärt, musste ich innerlich schmunzeln.

Für einen Moment hat man tatsächlich den Gedanken, die Petition gegen Sexualkunde in der Grundschule zu unterschreiben. Doch das interessante Gespräch mit seinem Kind über das doch ungewohnte Thema lässt diesen Augenblick schnell vergessen. Denn sicher ist, dass mein Sohn mit dem Thema selbstverständlicherer umgeht als die Eltern. Man merkt schnell, dass die Neugierde über die allgemeine und eigene Sexualität sich umwandelt in eine Normalität, die wichtig ist für die weitere Entwicklung des Kindes. Es wird deutlich, dass die Normalität und das Wissen über das Thema Sexualität auch den Respekt vor dem anderen Geschlecht stärkt. Und man merkt, dass man mit seinem Kind, aus seiner altersgemäßen Sicht, völlig unbeschwert über Sexualität reden kann.

Wer sich als liberal bezeichnet, muss das aus Überzeugung tun. Diese Einstellung, dieses Lebensgefühl, diese besondere Form der Freiheit muss man im Herzen tragen. Es gibt Tage, da ist man aber der Versuchung näher als man denkt, sich doch unbewusst in die konservative Ecke zu begeben. Manchmal ist es sogar zu spät, sollte man letztendlich aufwachen und sich verwundert die Augen reiben, in welchen konservativen Abgrund man abgerutscht ist.

 Ein kluger Mensch hat einst gesagt, dass man keine Mauer um einen Swimming-Pool bauen soll, um sein Kind vor dem Ertrinken zu schützen. Ist es nicht dagegen sinnvoller, dem Kind das Schwimmen beizubringen? Das ist richtig, das ist weise und das ist liberal. Eine Mauer zu bauen, ist sicherlich eine konservative Sichtweise der Problemfindung. Das Schwimmen beizubringen ist aber ein liberales Lebensgefühl und der erste Schritt zur Freiheit des Kindes. Vielleicht würde mein Sohn deshalb folgendes sagen: Sexualkunde ist schön. Konservativ ist doof.

Tamer Kandemir