Kerpen und die Zukunft des Erftlandrings – 50 Jahre Motorsport vor dem Aus

25. Oktober 2016, Kommentar aus Kerpener Sicht

Ein Plädoyer zum Verbleib im Stadtgebiet in nicht chronologischer Abfolge

Kerpen. 10.September 1961. Großer Preis von Italien in Monza. Graf Berghe von Trips, Nachkomme eines der ältesten niederrheinischen Adelsgeschlechter mit Stammsitz Burg Hemmersbach bei Kerpen, auf Weltmeisterkurs.  1957 beim Grand Prix von Argentinien in Buenos Aires gab er sein Formel-1-Debüt und nun, nur noch ein Rennen – der lang ersehnte Titel auf Ferrari zum Greifen nah. Kurz nach dem Start – plötzlich die Kollision mit Jim Clark in der zweiten Runde bei der Anfahrt zur Parabolica-Kurve, eine „schwarze Stunde der Formel 1“ wie der Unfall später bezeichnet wurde. Trips Ferrari 156 prallte noch vor der Kurve gegen die Drahtabzäunung der Zuschauer. 15 Personen verloren an diesem Tag ihr Leben und über 60 weitere Verletzte waren zu beklagen.  Berghe von Trips wurde beim Aufprall aus dem Wagen geschleudert und erlag einem Genickbruch.  Phil Hill, Teamkollege gewann das Rennen und wurde später Weltmeister mit nur einem Punkt Vorsprung zu Trips. Stirling Moss wurde Dritter mit 21 Punkten.

9.August 1961. Fans des Horremer Formel 1 Piloten Wolfgang Graf Berghe von Trips schlossen sich zusammen und gründeten den unter dem Namen „Rennsportfreunde Graf Berghe von Trips“ bis heute bekannten Verein. Nach dem schrecklichen Unfall, der unzählige Motorsportbegeisterte mit in den Tod riss, und um nach dem Tod ihres Idols dem Rennsport verbunden zu bleiben, beschloss der Verein später Kartsport anzubieten, ein bis dahin relativ unbekanntes Terrain in Deutschland. Graf Berghe von Trips selbst hatte ein Jahr vor seinem Unfalltod eines der ersten „Motorkarts“ aus den USA nach Deutschland geholt. Der Verein erweiterte seinen Namen um den Zusatz „Go-Kart-Club Horrem“ und errichtete 1964 auf dem privaten Gelände der Grafenfamilie in Horrem eine Go-Kart-Bahn. 1965 wurde sie mit einem ersten Rennen offiziell eingeweiht.

1965. Der Grundstein für den erfolgreichen Kartsport war in Kerpen gelegt. Unter dem damaligem Vereins-Präsidenten Gerhard Gollnast und mit der tatkräftigen Unterstützung der Gräfin Tessa und Graf Eduard Berghe von Trips, den Eltern von Wolfgang Graf Berghe von Trips, wird der „Go-Kart-Club Horrem“ immer erfolgreicher. Es wird die erste Jugendabteilung des Kartsport in einem deutschen Club gegründet und 1971 findet die erste Junioren-Europameisterschaft auf der Anlage in Horrem statt, die längst für eine solch große Veranstaltungen zu klein geworden ist. Zu nah am Wohngebiet liegend, wird 1980 mit Hilfe der Kolpingstadt Kerpen ein neuer Ort gefunden, der der Expansion, den Emissionen und dem Erfolg gerecht wird.

1980, als Deutschlands größte Kartbahn, wird sie in einer Kiesgrube nahe Kerpen-Manheim eingeweiht.

Formel 1 Größen, wie sie uns alle ein Begriff sind, fahren und fuhren hier neben den unzähligen Fahrern sämtlicher Kart-Rennsport-Klassen. Namen wie Ayrton Senna, Christian Fittipaldi, Heinz-Harald Frenzen, Timo Glock, Sebastian Vettel und eben auch Michael Schumacher und Bruder Ralf Schuhmacher. Sie alle erlernten hier ihr Handwerk und formten ihr Talent. Namen, die weltweite Bedeutung im Motorsport errungen, Rennfahrer und Champions.

Die Brüder Ralf und vor allem Michael Schuhmacher, dem 7-fachen Formel 1 Weltmeister, stellen hier sicher einen besonderen Namen dar. Michael Schuhmacher, dessen Vater Rolf auf der neuen Kartbahn als Platzwart der 1107 Meter langen Strecke arbeitete, und Mutter Elisabeth, die in der streckennahen Imbissbude für das leibliche Wohl sorgte, legte hier seinen Grundstein für eine bis dahin nie wieder erreichte Karriere: 7 Weltmeistertitel im Königs-Klassement des Motorsports.

Der Erftlandring an der Bundesstraße 477 bei Manheim. Die Schmiede der Großen und der Kleinen, die ihnen heute folgen.  Die Imbissbude gibt es noch heute, voller Fotos und voller Emotionen. Noch immer wird sich hier rührend, aber voller Disziplin den Jungen gewidmet. Draußen auf der Strecke wird um jede Sekunde gekämpft, die Motoren krachen. Kleine Teams, Väter als Manager und Geldgeber ihrer Söhne. Aufgeregte Fahrer und interessierte Jung-Rennfahrer. Noch immer duftet der Kaffee und noch immer hat man hier, sobald man den Eingang betritt, das Gefühl an einem ganz besonderen Ort des Motorsports zu sein. Wer einmal auch nur in die lachenden und auch weinenden Augen des Nachwuchses gesehen hat, wie sie zusammen sitzen nach dem Bambini-Kurs, die A-Lizenz zum Greifen nah – Kinder und Jugendliche aus aller Herren Länder – der wird ihn nicht aufgeben wollen, den Ort der so viel Geschichte geschrieben hat und so viel neue Geschichte schreiben wird.

November 2006. Erster Michael-Schumacher-Tag in Kerpen.  “Michael ist ja ein Kerpener Kind und hat unsere Stadt hervorragend vertreten”, sagt die damalige Bürgermeisterin von Kerpen, Marlies Sieburg. Früher habe sie immer erzählt, sie wohne in der Nähe von Köln, inzwischen reiche aber Kerpen: “‘Schumi hat uns weltbekannt gemacht.”

Kerpen steht wieder einmal Kopf und will dem aus dem Motorsport scheidendem 7-fachen Weltmeister zum 250 und letztem Rennen in São Paulo einen rauschenden Formel 1 Abschied bereiten.  Es wird über eine Satzungsänderung nachgedacht um dem scheidenden Ausnahmefahrer eine ganz besondere Auszeichnung zuteilwerden zu lassen. Schuhmacher soll nun erster Ehrenbürger der Stadt, seiner Heimatgemeinde werden. Die einstige Bürgermeisterin Sieburg: “Wir wollen sein Lebenswerk noch in irgendeiner Form würdigen, daher kann ich mir das sehr gut vorstellen. Ich würde das mit Sicherheit begrüßen”. Damals ging sie davon aus, dass der Vorschlag in den entsprechenden Gremien wohlwollend aufgefasst werden würde.

Hier schließt sich der Kreis. Von Graf Berghe zu Trips, der Villa Trips, dem Rennsportmuseum, der einzigartigen Geschichte der Manheimer Kartbahn, von Michael Schuhmacher und anderen Formel 1 Stars bis hin zu den Bambini, den Jungen und Mädchen, die den Weg im Flugzeug auf sich nehmen, an einer der berühmtesten und erfolgreichsten Kartstrecke Europas erste Runden zu drehen. Die Kolpingstadt die stolz sein sollte auf diese einzigartige Geschichte.

2016.Spätestens 2021 muss das traditionsreiche Gelände aufgegeben werden. Der voranschreitende Braunkohle-Tagebau Hambach von RWE beansprucht die Fläche. Die Tage der traditionsreichen Kartbahn sind gezählt, wenn nicht bald eine Lösung gefunden wird.

Kerpen. Sie nennt sich im Namenszusatz „die Kolpingstadt“. Verbunden mit Adolph Kolping und der Kolpingfamilie, die sich als gesellschaftspolitischer Akteur mit Schwerpunkt in den Bereichen Gesellschafts-, Sozial- und Familienpolitik in den 90er Jahren neu positionierte. Den 200. Geburtstag Kolpings feiert seine Geburtsstadt groß mit der Veranstaltungsreihe „Kolping kommt aus Kerpen“.

Kolping gehört zu Kerpen, und dennoch ist es ein anderer Name, der Kerpen weltweit bekannt gemacht hat. Michael Schuhmacher. Und erneut schließt sich der Kreis. Michael Schuhmacher gehört zu Kerpen wie Adolph Kolping und Graf Berghe von Trips. Und mit Michael Schuhmacher und Trips gehört der Erftlandring in Manheim zu Kerpen.

Ralf Valkysers und Marlies Sieburg, die ehemaligen Bürgermeister der Kolpingstadt, genossen den Ruhm ihres größten Bürgers. Von Ehrenbürgerschaft bis hin zu Statuen war die Rede. Geblieben ist nichts. Eine sterbende Kartbahn, das Aus der längsten Kart Grand – Prix Strecke, die Geschichte, eines der Aushängeschilde Kerpens.

Es bleibt das Kolpinghaus, versteckt im alten Teil der Stadt. Gegenüber wachsen Reihenhäuser in die Höhe.

Ein tiefes Loch schon bald, der sterbenden Energieform Kohle nicht gewachsen. Ein Loch, vielleicht mit einer Gedenktafel…“Hier stand bis 2021 …“ Ein trauriges Licht im Schatten der Stadt, die einst die Chance hatte, ihre Geschichte zu bewahren.

Rüdiger Schmidt

Stv. Vorsitzender FDP Kerpen,

Pressesprecher