Kerpen – Ein Rundgang

24. Mai 2017, Kommentar aus Kerpener Sicht

Kerpen im Mai 2017.

Leerstehende Geschäftshäuser, überfüllte Mülleimer, resignierende Händler inmitten einer sich fortwehrend drehenden Abwärtsspirale aus fehlender Attraktivität und sinkenden Umsätzen. Bunte Plakate, eingerahmt von düstern, staubig-schmuddeligen Schaufenstern und bröckelndem Putz, werben dauerhaft und plakativ für die Anmietung der eigentlich gut platzierten Geschäftshäuser, die trotzdem niemand mehr will. Es sind trostlose Passagen, die nicht zum Flanieren und Verweilen einladen und erst recht nicht dazu, in entspannter Atmosphäre zu shoppen und sich den angenehmen Dingen im Leben zu widmen.

Diese Bild prägt nicht nur die Quartiere am Stadtrand. Auch auf der Hahnenstraße und der Stiftstraße, den Adern der Kolpingstadt, hat diese Trostlosigkeit schon lange Einzug gehalten. Eine Trostlosigkeit, die sich ausweitet und unaufhaltsam die Vernichtung der Innenstadt als Ziel hat.

Was treibt diese Verödung? Warum hat der Deutsche Städte- und Gemeindebund schon 2015 bis zu 50.000 Geschäfte in den großen Stadtzentren in Gefahr gesehen? Schon damals war der Verband sicher, dass ein Leerstand der Geschäfte zu einer Abwärtsspirale für die gesamte Stadt führt. Mit dem Handel ausgearbeitete Stadtmarketingkonzepte sollten die Revitalisierung der Innenstädte vorantreiben. “Erlebniseinkauf” war das Schlagwort, Angebote zur Kinderbetreuung, Ruhe- und Kommunikationsräume oder ausgefallene Verkaufsaktionen nur einige wenige Anregungen.

Die Stadt Kerpen jedoch will der Verödung mit einem Vollsortimenter begegnen. Aber es ist klar, ein Vollsortimenter alleine wird die Wüste in der Innenstadt nicht in eine blühende Oase verwandeln, auch wenn es ein wichtiger Baustein im notwendigen Gesamtpaket ist.

Den Freien Demokraten der Kolpingstadt erscheint ein Supermarkt nicht als Stein der Weisen. Die Umgebung, der Wohlfühlfaktor und das Wissen sich nach dem entspannten Kauf und einer netten Beratung auf einen Stuhl niederzulassen zu können oder sich einfach nur bei einem Glas Wasser oder einer Tasse Kaffee des Tages zu erfreuen, sind nach Ansicht der Liberalen die wesentlichen Bausteine zur Attraktivitätssteigerung der Kolpingstadt.

Denn gemäß einer  aktuellen Studie des IFH Köln von 2016 „Vitale Innenstädte“ zeigt sich, dass der stärkste Einfluss der Attraktivität einer Innenstadt vom Ambiente und Flair ausgeht. Erst dann folgen Einzelhandel und Freizeit- und Kulturangebot. So falsch können die Freien Demokraten der Kolpingstadt also nicht mit ihrer Auslegung liegen.

Fern sind diese Gedanken, wenn man die Stadt zu Fuß begeht. Fern sind die Räume, die Geschäfte, das Brauhaus, die Eisdiele und die kleinen Kaffees, welche am Abend eine freundlich und entspannte Atmosphäre zaubern. Fern sind die Räume der kurzen Wege und die Plätze, sich Gutes zu tun. Dabei sind es gerade diese Räume, welche Lebensqualität, Imagebildung und Außenwahrnehmung einer Stadt ausmachen. Ein attraktiver, öffentlicher Raum in Innenstädten steht nicht nur für ein vielfältiges Stadtleben, sondern eben auch für eine funktionierende Gesellschaft. Er ist ein Ort der Begegnung, der Bewegung und des Verweilens.

Dabei hätte die Kolpingstadt so vieles zu bieten. Die Stadt ist groß an alter und junger Geschichte. Kolping, Schuhmacher, Tripps und Beethoven sind nur die großen Namen, die mit Kerpen verbunden sind, deren Spuren aber kaum sichtbar sind. Wer weiß noch, dass Kerpen lange bevor es sich den Beinamen Kolpingstadt gab, Spanisch war? Eine lange Geschichte von Burgundern, Habsburgern und eben des spanischen Königreichs prägten diese Stadt. Historie, die sich fassen ließe. Historie, die sich zeigen lassen könnte. Historie, die sich einbinden lassen könnte in ein attraktives Stadtbild.

Was spricht zum Beispiel dagegen, eine kleine aber feine Gründerszene im Bereich moderner Technologie aus den Großstädten nach Kerpen zu locken – etwa mit günstigen Mieten und passenden Familienangeboten? Was in Köln funktioniert, sollte auch in Kerpen erfolgreich sein. Es birgt Kundenpotenzial, schafft Nachfrage und beseitigt Leerstände. Und ganz Nebenbei sorgt es für eine attraktive Innenstadt durch Belebung. Die Flächen wären vorhanden, die Räumlichkeiten auch.

Tauchen wir zum Beispiel ein in die Welt des Namensgebers der Stadt, Adolph Kolping. Sein Geburtshaus an der Obermühle liegt in einem wunderschönen alten Stadtteil, der fußläufig vom Zentrum aus zu erreichen ist. Was sich dem Betrachter bietet, ist das alte Backsteinhaus, flankiert von großen Bäumen, eingefasst von grüner, frisch geschnittener Hecke. Gegenüber standen vor wenigen Monaten noch zwei alte, dem Verfall preisgegebene Häuser, jetzt eine Baustelle. Folgt man der angrenzenden Bachstraße ist man zunächst überrascht über die Existenz der zum Teil liebevoll wieder Instand gesetzten alten Gebäude und historischen Hofanlagen.  Man spürt förmlich die angenehme Weite einer mittig mit Bäumen bepflanzten Straße. Dennoch, das Geburtshaus Kolpings liegt alleine da, verlassen wie ein Fremdkörper und es kann so seiner geschichtlichen Bedeutung nicht gerecht werden.

Noch sind sie da, die freien Räume, die bebaubaren Flächen die ein schlüssiges Bild zaubern könnten. und noch kann die Bachstraße helfen, ein zusammenhängendes „Wohlfühlbild“ zu schaffen. Stellen wir uns eine gepflasterte Straße vor, ein Restaurant, ein Bistro, Biergarten, eine Brauerei vielleicht. Stellen wir uns vor, wie Kulturgeschichte auf Moderne trifft. Das Haus der Gründer vielleicht, die abends nach langer Entwicklung Entspannung suchen, oder die Besucher des Kolpinghauses, die in einem nahen Hotel den Tag ausklingen lassen. Der Rest würde wohl von selbst kommen.

20 Wohnungen sollen nun gebaut werden, gegenüber dem Geburtshaus des Namenspatrons. Die Chance zur Umgestaltung und Neuausrichtung ist wohl vertan. Die Grundstücke im Stadteigentum, verbunden mit Investoren, hätten es ändern können.

Verlassen wir die Bachstraße und gehen in die Hahnenpassage.

Ein Alptraum. Ein Bild der Verödung nicht nur am Wochenende, wenn die öffentlichen Mülleimer ungeleert noch die Spuren der vorbeiziehenden Gesellschaft des Vortages zeigen.

Nein, kein schönes Bild, und nein, wirklich nicht einladend und weit ab vom Flair, den die Kölner Studie beschrieb. Würde nicht die Eisdiele als einzig verbliebener Magnet die Sommermonate beleben, so hätte dieser Platz im Herzen der Stadt sicher schon längst der Abwanderung seinen Tribut gezollt.

Was wäre nur alles möglich dort und was birgt diese Passage nicht doch für ein großes Potential. Leerstand gibt es genug zur Ansiedlung von Gewerbe. Alleine durch seine zentrale Lage bietet sie sich an, als Top-Adresse der Kolpingstadt zu fungieren. Gemeinsam, als Ganzes betrachtet, mit dem im Bau befindlichem „Haus der Familie“ hinter dem alten Kolping-Saal und dem alten, historisch wertvollem Kino Capitol auf der Kölner Straße, ein idealer Ort, um den Menschen der Stadt ein Quartier zur Arbeit, zur Erholung, zum Einkauf, zum Verweilen und zum Genuss weit über die nur derweil wochentägliche Nutzung hinaus zu schenken.

Auch hier kann die Gründerszene tragend sein. Arbeiten, Leben und genießen. Die Großen der Branche wie Google oder Microsoft machen es uns vor. Ganze Städte werden gebaut, um dem Menschen ein Umfeld zu schaffen, in dem Wohlfühlen und Arbeit konsequent umgesetzt werden. Warum kann man dem Beispiel nicht folgen und eine lebendige, offene Klein-Welt schaffen? Die Ansätze und die Grundstrukturen sind vorhanden.

Attraktivitätssteigerung als Resultat einer konsequenten Planung und Umsetzung unter Berücksichtigung neuester Untersuchungen und dem einfachen, statistisch belegbaren Wunsch der Bevölkerung. Hier wäre sie möglich.

Nein, wir wollen nicht kritisieren und nein, wir wollen auch nichts schlecht reden in unserer Kolpingstadt.

Wir wollen aufzeigen, wollen Anregen wollen den „German Mut“ auch in Kerpen sehen. Es sind immer Visionäre gewesen die die Welt veränderten und es war immer der Mut einiger weniger, die dank ihres Einsatzes und ihrer kämpferisch revolutionären Grundeinstellung Veränderungen herbeigeführt haben.

Verstehen wir uns nicht falsch! Unsere Stadt hat eine Menge zu bieten: Kultur, Kommerz und den festen Willen aller politischen und verwaltungstechnischen Gremien, im Rahmen der allgemein schlechten finanziellen Haushaltslage das Beste für die Kolpingstadt zu tun. Bedauerlicherweise findet die Idee einer strukturierten Entwicklung schon oft im Ansatz keine Unterstützung, und vielmehr wird vorschnell den sachverständigen Argumenten Folge geleistet, deren Aufgabe lediglich in der Untersuchung der Sinnhaftigkeit einzelner Gewerbeansiedlungen bestand, gemessen an Bevölkerungsstrukturen und den zu erwartenden Einnahmen des Investors.

Nur der Wille zur Auseinandersetzung, der Wille, das „Big Picture“ zu Verstehen, schafft Raum, Veränderungen sinnvoll und zukunftsweisend umzusetzen.

Das wünschen wir uns für die Kolpingstadt Kerpen, für die Menschen die hier Leben, und für die diese Stadt Heimat ist genauso für die Menschen die sich freuen unsere Stadt zu besuchen und zu erkunden.

 

Rüdiger Schmidt

Stv. Vorsitzender der Freien Demokarten, Stadtverband Kerpen, Pressesprecher