Einzelhandelsoffensive – Webkaufhaus Kolpingstadt Kerpen

12. März 2019, Anträge / Anfragen

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Spürck,

die FDP-Fraktion im Rat der Kolpingstadt Kerpen beantragt, zur kommenden Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses o. g. Punkt auf die Tagesordnung zu nehmen und folgenden Beschlussentwurf zur Abstimmung zu stellen:

Beschlussentwurf:

Die Verwaltung wird beauftragt, mit „Local Commerce Alliance“, das als Netzwerk des digitalen, zukunftsorientierten, lokalen Handels derzeit 74 Initiativen in Deutschland betreut, und der Lacaso Betreibergesellschaft, die erfolgreich unter anderem in Siegen ein Webkaufhaus für den lokalen Onlinehandel betreibt, in Kontakt zu treten, um gemeinsam u.a. mit der AGK und allen nicht in den lokalen Aktionsgemeinschaften vertretenen Einzelhändlern der Kolpingstadt die Umsetzbarkeit eines digitalen, zentralen Webkaufhauses in Kerpen zur Online-Vermarktung von Warengütern, ähnlich der großen Online Anbieter, zu diskutieren.

Hierbei soll neben der umfangreichen Information zu bereits erfolgreich umgesetzten Projekten die allgemeine Akzeptanz der Einzelhändler und die Bereitschaft zur Umsetzung eines Webkaufhauses ausgelotet werden.

Weiter wird die Verwaltung beauftragt, den Umsetzungsprozess der aus den Gesprächen resultierenden, praktikablen Vorschläge im Rahmen ihrer kommunalen Möglichkeiten zu unterstützen und die Ergebnisse Vorschläge in einer Ratssitzung im 3. Quartal 2018 zu präsentieren.

Außerdem wird die Verwaltung beauftragt, eine für die Einzelhändler und die Stadt Kerpen im Rahmen der Wirtschaftsförderung finanzierte Lösung zu erarbeiten, die die Belastung des Haushaltes auf ein Minimum reduziert und die finanziellen Ressourcen der beteiligten Einzelhändler schont.

Begründung:

Während für viele Menschen der Begriff Digitalisierung noch ein eher abstrakter Begriff ohne genaue Zuordnung ist, haben die Einzelhändler in Kerpen schon sehr früh Bekanntschaft mit ihm gemacht. Neben den hausgemachten Schwächungen des oftmals in Innenstadtlagen vertretenen Einzelhandels durch z.B die Neuentwicklung von Einkaufszentren in Randlagen sind es gerade die großen Online-Anbieter die den Händlern massiv die Kunden abgraben. Ihr breit gefächertes Angebot und eine meist kostenlose Lieferung sind vielen Kunden Grund genug, die Innenstädte zu meiden. Die Folgen für den Einzelhandel vor Ort sind schnell spürbar. Umsatzrückgänge und die meist teuren Mieten des Ladenlokals treiben die Händler unweigerlich in die Abwärtsspirale. Auch die aus Überlebenswille und Eigeninitiative heraus initiierten privaten Onlineshops zur Umsatzsteigerung der Händler haben meist nicht die Kraft und die Wirkung, den Händler aus dem Sog der Abwärtsspirale zu ziehen. Die Einzelhändler können sich vielfach weder selbst mit der Erstellung einer IT-Infrastruktur noch mit deren Pflege befassen und scheitern meist schon früh am Aufwand-Ertrags Prinzip. Die Schließung des Ladenlokals folgt als letzte Konsequenz.

Um einem weiterem Aussterben und der damit einhergehenden Verödung der Innenstadt entgegenzuwirken, gilt es das Einzelhandelskonzept an die Gegenwart anzupassen und die Grundidee der Online-Riesen kommunal, zum Nutzen des Einzelhandels und der Konsumenten aufzugreifen und umzusetzen. Hierbei steht nicht der Wandel vom Einzelhandel im Ladengeschäft hin zu einem reinen Online-Handel im Vordergrund, sondern vielmehr die Verzahnung beider Distributionsmodelle. Regionale Webkaufhäuser, wie sie bereits in einigen Teilen des Landes in unterschiedlicher Konzeption umgesetzt wurden, greifen genau diese Verzahnung auf und vereinen digitale und analoge Welt des Handels.

Als freiwillige Zweckgemeinschaft nutzen die teilnehmenden Einzelhändler eines Webkaufhauses eine zentrale, digitale Plattform zur ergänzenden Vermarktung ihrer Waren. Sie greifen so nicht nur das wachsende Bedürfnis der Verbraucher nach einem stressfreien Einkauf ohne lange Parkplatzsuche auf, sondern bieten auch den beruflich stark eingebundenen Verbrauchern mehr Lebensqualität. Der moderner „Sofahandel“ geht hierbei einher mit einer Erhöhung der lokalen Kaufkraftbindung und stärkt so die Interessen des Einzelhandels und der Region. Wer sonst, wenn nicht die zentralen Versorger, können z.B. konsumentenfreundlich die Lieferung von Waren am Tag der Bestellung innerhalb des Stadtgebietes anbieten? In Kerpen wären aufgrund der angesiedelten Einzelhändler und unter Mitwirkung von Hofläden nahezu Vollsortimente anzubieten, die von Bio-Lebensmitteln bis hin zu hochwertiger Elektronik reichen.

Dass für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Models nicht nur große Städte wie Düsseldorf oder Bonn mit ihrem weitgefächerten Warenangebot in Frage kommen, hat 2015 die rund 25.000 Einwohner zählende Hansestadt Attendorn[1]  bewiesen. Neben Langenfeld[2]  oder Wuppertal[3], die bereits 2014 ein Webkaufhaus ins Leben riefen, hat die kreisangehörige Stadt die Digitalisierung des Handels als ein starkes lokales Kaufkraftbindungswerkzeug erkannt und erfolgreich mit kommunaler Unterstützung umgesetzt. 32 Händler bedienen den Online-Marktplatz in Attendorn und leben den sogenannten „Local Commerce“[4] (E-Commerce + Stationärer Handel) erfolgreich und parallel zum klassischem Ladenlokal.

Fasst man alle Punkte zusammen, ergibt sich ein überzeugendes Bild. Von einem lokalen Webkaufhaus können alle Beteiligten profitieren: Der Einzelhandel mit höheren Einnahmen über den Online-Kanal, die Stadt mit zusätzlichen Steuereinnahmen und natürlich der Verbraucher selbst. Die Verschmelzung der beiden Einkaufswelten mit allen benannten Aspekten trägt mittel- und langfristig zur Bestandssicherung des Einzelhandels bei, die gerade in der Diskussion zu Attraktivitätssteigerung der Innenstädte von existentialem Wert ist.

Um den hohen Ansprüchen der Online-Käufer gerecht zu werden und Webkaufhäuser dauerhaft, wirtschaftlich und attraktiv aufzustellen, sind Betreibermodelle, wie sie zum Beispiel von Local Commerce Alliance oder Lacaso angeboten werden, den privaten Initiativen vorzuziehen. Marketing, Angebotserfassung, Netzstellung sowie Logistik und Webauftritt der einzelnen Händler in einer Hand entlasten den Händler und führen nicht zur Zusatzbelastung.

[1] Link zum Webkaufhaus Attendorn: https://atalanda.com/attendorn

[2] Link zur FutureCity Langenfeld: https://www.futurecitylangenfeld.org/

[3] Link zum Webkaufhaus Wuppertal: https://atalanda.com/wuppertal

[4] Link zur Local Commerce Alliance: https://localcommerce.info/alliance/