Jüdischer Friedhof in Kerpen als Gedenkstätte wider das Vergessen

Ergänzungsantrag zum Ausschuss für Sport, Freizeit und Kultur

28.02.2024 Anträge FDP-Fraktion Kerpen

Sehr geehrte Frau Ausschussvorsitzende Donner,

die FDP-Fraktion im Rat der Kolpingstadt Kerpen bittet, den Tagesordnungspunkt 4.1. (Jüdische Friedhöfe in Kerpen, Sindorf und Brüggen) um den Antrag „Jüdischer Friedhof in Kerpen als Gedenkstätte wider das Vergessen“ im Ausschuss für Sport, Freizeit und Kultur am 28.02.2024 zu ergänzen und zur Abstimmung zu stellen.

Beschlussvorschlag:

Die Verwaltung wird beauftragt, den alten jüdischen Friedhof in Kerpen möglichst unter Anleitung von Forschern, Expertinnen und Experten aus den Bereichen Denkmalpflege, (Kunst)Geschichte, Kulturerbe, der Unteren Denkmalbehörde der Städte und Gemeinden im Regierungsbezirk, der Kolpingstadt Kerpen und der Synagogen-Gemeinde zu Köln, namentlich Herrn Daniel Lemberg, zu revitalisieren und als Gedenkstätte einzurichten. Dabei ist ein konkretes Konzept zur Nutzung vorzulegen und bei Bedarf soll der Prozess mit einer Machbarkeitsprüfung unterstützt werden. Entsprechende Landes- und Bundesmittel für eine Revitalisierung des Friedhofs und Umwandlung in eine Gedenkstätte sind zu prüfen, zur Umsetzung eines solchen Projekts zu ermitteln, sowie den Antragsprozess einzuleiten und entsprechend anzufordern / zu beantragen.

Ferner sollen:

  1. die alten (und zerbrochenen) Grabsteine unter denkmalhistorischen Gesichtspunkten saniert und wiederhergestellt werden,
  2. Gedenk- und Informationstafeln über die Geschichte des jüdischen Lebens in Kerpen aufgestellt werden, die auf diesen so besonderen Ort des Gedenkens hinweisen.
  3. Zusätzlich sollen/können mit Info-Stelen Besucherinnen und Besucher des Friedhofes über die dortigen Grabmale und über die dort bestatteten Personen informiert werden, zusätzlich mit Erläuterungen über die Inschriften auf den einzelnen Grabmalen und zu deren Symbole, die so erklärt werden (zusätzlich mit digitalen Mitteln wie QR-Codes)

Begründung:

Im schriftlichen wie auch telefonischen / persönlichen Gespräch hat die Synagogen-Gemeinde zu Köln bekundet, dass mit diesem Antrag seitens der Politik ein positives Zeichen für die Erinnerungskultur an die ausgelöschten Jüdischen Gemeinden angestoßen wird. Sie hat weiterhin bekundet, dass sie das Projekt gerne unterstützen und begleiten würde. Des Weiteren lobte die Gemeinde, dass hinter dem Antrag eine gute und lobenswerte Absicht besteht. Eine Umgestaltung, wie im ursprünglichen Antrag seitens der FDP-Fraktion beantragt, wird nicht generell ausgeschlossen. Jedoch besteht auf den Kerpener Jüdischen Friedhöfen die schreckliche Tatsache, dass während der Nazizeit von fast allen Jüdischen Friedhöfen Grabsteine entwendet und zerstört worden sind. Deshalb ist davon auszugehen, dass die heute – gerade auf den kleineren Jüdischen Friedhöfen – noch stehende Grabsteine nicht unbedingt auf ihren Originalplätzen stehen. Das bedeutet dementsprechend, dass unter den Rasenflächen noch Gräber sein könnten, die heute nicht mehr erkennbar sind. Dieser wichtige, aber auch traurige Umstand ist selbstverständlich zu berücksichtigen, die heilige Totenruhe keinesfalls zu stören – und so verbittet es sich auch natürlich, hierbei eine Umgestaltung anzustreben.

Davon wird mit diesem neuen Antrag Abstand genommen. Die Umgestaltung zu einer Gedenkstätte und dass der Friedhof besucht wird, insbesondere auch von Schulen, Schülerinnen und Schülern, Bürgerinnen und Bürgern, die Anbringung von Informationstafeln, wie auch Stelen oder andere Ideen, um die Jüdische Kultur in Kerpen in Rahmen einer Aufwertung dieser Ruhestätte zu gedenken und über das Jüdische Leben in Kerpen zu informieren, wird ausdrücklich begrüßt und unterstützt. Da alle drei Jüdischen Friedhöfe auch unter Denkmalschutz stehen, ist demnach die Einbeziehung der Unteren Denkmalbehörde zwingend notwendig.

In Kerpen wird wie in unzähligen anderen Kommunen jährlich eine Veranstaltung zum Gedenken an die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung am 9. November 1938 veranstaltet. In Kerpen findet sie am Mahnmal für die ermordeten Juden aus Kerpen am Friedhof in der ,,Alten Landstraße“ statt. Und auf der gleichen Grünfläche wurde 2011 eine Gedenktafel für die insgesamt 129 deportierten und ermordeten Juden aus Kerpen errichtet. Selbstverständlich muss den Opfern der schrecklichen und verbrecherischen NS-Zeit gedacht werden.

Doch so schrecklich diese Zeit gewesen ist, gehört zur Erinnerung ebenfalls dazu, nicht zu vergessen, dass es davor auch eine andere Zeit gegeben hat. Insbesondere zeugt beispielsweise der alte jüdische Friedhof von einem lebendigen jüdischen Leben in Kerpen und deutet darauf hin, dass in früheren Zeiten die jüdische Kultur nicht nur in den großen Städten, sondern das Leben auch in ländlichen Regionen bereicherte. Dieses Erbe muss erhalten werden, dazu gehört es insbesondere, den jüdischen Friedhof als Kulturdenkmal und als religiöse wie auch zeitgeschichtliche Gedenkstätte zu gestalten und zu erhalten. Mit Maßnahmen und Aktivitäten, die geeignet sind, das Erinnern und Gedenken an die ehemalige jüdische Gemeinde in Kerpen zu fördern und im gesellschaftlichen Leben wachzuhalten.

Jedoch hat sich mittlerweile das Umfeld des jüdischen Friedhofs so weit verändert, dass diese Ruhestätte kaum mehr gesehen, beachtet und wahrgenommen wird. Fast schon aus dem öffentlichen Interesse verschwunden, umzingelt vom Gewerbegebiet und dem Erft Karree. Zwar fahren täglich tausende von Autos an diesem alten Friedhof vorbei, aber nur wenige Kerpener Bürgerinnen und Bürger haben ihn wohl jemals schon einmal besucht Es wird mittlerweile kaum noch wahrgenommen, dass dieser jüdische Friedhof ein wichtiger Teil der Geschichte und Erinnerung für unsere Kolpingstadt Kerpen ist. Durch eine Restaurierung sowie konservatorische Umnutzung zu einer Gedenkstätte jedoch kann der jüdische Friedhof für die Öffentlichkeit erhalten bleiben und ein neuer und wichtiger Ort für die jüdische (Erinnerungs)Kultur und Begegnung werden, so dass das Bewusstsein für das jüdische Leben in Kerpen auch für die nächsten Generationen erhalten bleibt.

			

				
				

Tamer Kandemir

sachkundiger Bürger der FDP-Fraktion

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